
Treue.
Ein Wort, das schwer wiegt. Ein Wort, das in Beziehungen oft stillschweigend vorausgesetzt wird – und gleichzeitig eines der verletzlichsten Themen überhaupt ist.
Kaum etwas erschüttert eine Beziehung so tief wie das Gefühl, betrogen worden zu sein. Kaum etwas löst so viel Schmerz, Wut, Ohnmacht, Scham und Selbstzweifel aus. Und kaum ein Wert ist gleichzeitig so wenig eindeutig definiert wie dieser.
Treue – mehr als ein gesellschaftliches Versprechen. Für viele Menschen ist Treue gleichbedeutend mit Monogamie. Mit dem unausgesprochenen Versprechen: Du bist die einzige Person für mich. Körperlich. Emotional. Gedanklich. Dieses Bild ist tief in unserer Kultur verankert. So tief, dass es oft gar nicht mehr hinterfragt wird. Wir gehen Beziehungen ein – und nehmen an, dass Treue „automatisch dazugehört“. Dass sie sich von selbst versteht. Dass sie keiner Worte bedarf, doch genau hier beginnt das Problem.
Denn Treue ist kein Naturgesetz. Sie ist keine automatische Eigenschaft einer Beziehung. Sie ist eine Vereinbarung und Vereinbarungen brauchen Sprache.
"Was Treue für dich bedeutet, muss nicht das sein, was Treue für mich bedeutet"
In der Beratung zeigt sich immer wieder: Paare sprechen über Jahre hinweg nicht darüber, was Treue für sie persönlich heißt. Sie glauben, sie meinen dasselbe. Bis sie schmerzhaft feststellen: tun sie nicht. Für die eine Person bedeutet Untreue bereits intensiver emotionaler Austausch. Für die andere beginnt sie erst beim körperlichen Kontakt. Für manche ist Offenheit kein Widerspruch zu Treue – für andere ein absoluter Bruch.
Und genau deshalb ist sie so konfliktanfällig. Nicht, weil Menschen „falsch“ handeln, sondern weil sie oft nie gemeinsam definiert haben, woran sie sich eigentlich binden wollen.
Wenn Untreue geschieht, fühlt es sich für viele an, als würde der Boden wegbrechen. Als hätte jemand heimlich etwas zerstört, das Sicherheit gegeben hat.
Häufig hören wir Sätze wie:
Denn Untreue verletzt nicht nur die Beziehung, sie verletzt auch den inneren Kompass. Besonders dann, wenn die betrogene Person gespürt hat, dass etwas nicht stimmt – und dieses Gefühl immer wieder abgesprochen bekam. In solchen Momenten geht es nicht mehr nur um Treue, es geht um Wahrheit, Ehrlichkeit und das eigene innere Erleben.
Untreue ist gesellschaftlich stark bewertet. Wer untreu ist, gilt schnell als rücksichtslos, egoistisch oder charakterlos. Diese moralische Aufladung macht es schwer, überhaupt noch hinzuschauen, denn dort, wo sofort verurteilt wird, entsteht kein Raum für Verstehen.
Und ohne Verstehen bleibt nur Schmerz – auf beiden Seiten.
Verstehen heißt dabei nicht gutheißen. Es heißt nicht entschuldigen. Es heißt lediglich: Ich versuche zu begreifen, was hier passiert ist: Untreue als Symptom – nicht als Ursache
In vielen Beziehungen ist Untreue nicht der Anfang des Problems, sondern das Ende eines langen inneren Prozesses. Ein Prozess, der oft geprägt ist von:
Manche Menschen beschreiben Untreue wie ein Ausbrechen. Wie einen Moment, in dem sie sich plötzlich wieder lebendig fühlen. Gesehen. Begehrt. Interessant.
Andere erleben sie als einen Ort, an dem sie zum ersten Mal wirklich gefragt werden: Wie geht es dir eigentlich? Das macht Untreue natürlich nicht richtig. Und doch es macht sie verständlich.
Ein entscheidender Wendepunkt in vielen Gesprächen ist die Erkenntnis:mTreue ist nicht nur die Abwesenheit von Sex mit anderen.
Treue bedeutet auch:
Manche Paare merken rückblickend: Der eigentliche Bruch war nicht der Seitensprung. Sondern das jahrelange Schweigen davor.
Eine der häufigsten Fragen lautet:
Kann man Untreue verzeihen?
Die ehrliche Antwort ist:
Manchmal ja.
Manchmal nein.
Und beides ist richtig.
Verzeihen braucht:
Nicht-Verzeihen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine zutiefst persönliche Grenze.
Ein wichtiger Schritt in der Verarbeitung ist die Rückkehr zur Eigenverantwortung.
Für die Person, die untreu war:
Ich habe mich entschieden. Es gab Gründe – aber keine Entschuldigung. Ich trage die Konsequenzen.
Für die betrogene Person:
Ich darf entscheiden, was ich brauche. Ich darf gehen. Ich darf bleiben. Ich darf mir Zeit nehmen.
Erst dort, wo beide wieder als erwachsene, selbstverantwortliche Menschen gesehen werden, kann echte Klärung entstehen.
Manchmal führt die Auseinandersetzung mit Untreue zu einer überraschenden Erkenntnis: Treue war nie der wichtigste Wert. Oder ist es nicht mehr. Manche Menschen entdecken, dass ihnen Ehrlichkeit wichtiger ist, oder Freiheit oder emotionale Verbundenheit.
Andere merken: Ich habe mich selbst lange verraten, um diese Beziehung aufrechtzuerhalten.
Treue bekommt dann eine neue Bedeutung, nämlich die Treue zu sich selbst.
Vielleicht geht es am Ende weniger um die Frage:
Sondern mehr um:
Treue ist dann kein Zwang. Sondern eine bewusste Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue.
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